Rezensionen

Die geheime Welt der Vögel- Wie sie denken, spielen, sprechen und ihre Kinder erziehen

von Jennifer Ackerman

Die geheime Welt der Vögel ist, das sei vorangestellt, ein relevantes und wirklich lesenswert geschriebenes Buch, des großartig illustriert ist!
Die Autorin Jennifer Ackerman, 1959 in den USA geboren, publiziert zu den Schwerpunkten Wissenschaft, Naturthemen und Gesundheit. Details auf ihrer Website https://www.jenniferackermanauthor.com.

Abb.: https://www.ullstein.de/werke/die-geheime-welt-der-voegel/hardcover/9783550201318

Was macht das Buch nun relevant? Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse lassen bisherige Vermutungen und Ergebnisse in den Bereich der Forschungshistorie verschieben. Aufgrund moderner Forschungsmethoden, ornithologische Studien und Forschungsvernetzungen liegt nun umfangreiches Wissen vor, wie Vögel leben, denken und agieren.
Das Erstaunliche ist, dass die Vielfalt und Diversität der Vögel unfassbar groß sind. „Vögel sind auf allen Kontinenten und in allen Lebensräumen zu Hause, sogar – wie der Kaninchenkauz oder der Gelbflankentodi – unter der Erde.“ (Ackerman 2023, S. 13) „Manche Vögel sind wendige Flieger wie der Habicht, der Slalomkönig der Vogelwelt- oder Flugakrobaten wie die Mauersegler und Kolibris. Große flugunfähige Vögel wie Emu und Kasuar erheben sich überhaupt nicht in die Lüfte, ihre urzeitlichen Ahnen waren freilich dazu in der Lage. Auch die Galapagosscharben konnten früher fliegen, haben die Fälligkeit aber im Laufe ihrer Evolution zugunsten einer Lebensweise am Boden eingebüßt. Seevögel wie der Wanderalbatros legen jedes Jahr Zehntausende von Kilometern zurück und kommen zur Paarung auf eine winzige Insel im weiten Ozean. Oft setzen sie jahrelang keinen Fuß an Land, und bei rauher See schlafen sie im Flug, wobei sie ein Auge zur Orientierung offenhalten. Pfuhlschnepfen wandern in einem einzigen Flug über 11 000 Kilometer von Alaska nach Neuseeland. Sie sind neun Tage und Nächte unterwegs, der längste nachgewiesene Nonstop-Langstreckenflug eines Zugvogels. Was die Gesamtflugstrecke angeht, hält die Küstenseeschwalbe den Rekord: Sie umrundet mit den Jahreszeiten den Globus: Der Vogel fliegt von seinen Brutgebieten in Grönland und Island zum Winterquartier in die Antarktis – hin und zurück rund 70 000 Kilometer, die längste Strecke, die je für einen Zugvogel nachgewiesen wurde.“ (S. 14)
Ackerman bringt ihre persönliche Liebe zu Vögeln mit ihrem Interesse an Vögeln und Forschungen in stimmigen Einklang. So beschreibt sie, worüber sie selbst erstaunt war: „Am beunruhigensten ist vielleicht, dass die Drosseltöpferkrähen in ihren Auseinandersetzungen etwas tun, was mal – abgesehen von Menschen und Ameisen – nur von wenigen anderen Tieren kennt: Sie entführen gewaltsam die Jungen anderer Gruppen und versklaven sie.“ (S. 11-12) „Aber Vögel mit extremen Verhaltensweisen findet man nicht nur in Australien. Zahlenmäßig ist die bei Weitem größte Artenvielfalt der Vögel in Mittel und Südamerika zu Hause, und viele von ihnen zeigen spitzbübische Verhaltensweisen, von denen ihre australischen Kollegen sich noch eine Scheibe abschneiden könnten. Ein Beispiel ist der in Venezuela und Guyana beheimatete Langschwanz-Schattenkolibri. Dieser Vogel imitiert konkurrierende Männchen und bringt sie um, damit er auf dem Balzplatz ihre Stelle einnehmen kann. Oder der Einlappenkotinga aus Brasilien, der lauteste Vogel der Welt. Sein durchdringender musikalischer Zweiton-Gong – der lauter ist als das Brüllen eines Bisons oder das Geheul eines Brüllaffen – dient ihm dazu, eine Partnerin zu betören.“ (S. 27)

„Wie sich herausgestellt hat, sind die Vögel der gemäßigten Breiten und ihr Verhalten oft nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Viele ihrer Gewohnheiten und Verhaltensweisen sind vor allem für Vögel mit einer kurzen Paarungssaison typisch oder auch für Zugvögel – aus evolutionärer Sicht eine relativ neue Entwicklung Und ihr Gesang- bei dem die Männchen nur während der kurzen Paarungsphase ihr Revier abstecken – ist spezialisiert und für die Vogelwelt als Ganzes untypisch.“ (S. 33)
„Ebenso zeigen sie, welche bemerkenswerten Strategien und welche Intelligenz hinter solchen Tätigkeiten stecken. Es sind Fähigkeiten, die wir ausschließlich für die unseren oder zumindest für die alleinige Domäne weniger kluger Tiere gehalten hatten: Täuschung, Manipulation, Betrug, Kidnapping und Kindesmord, aber auch eine geniale Verständigung zwischen Arten, Kooperation, Zusammenhalt, Altruismus, Kultur und Spiel.“ (S. 12) „Manche Vögel überreichen Geschenke, manche stehlen. Sie tanzen und trommeln, malen Bilder oder bemalen sich selbst. Sie bauen Mauern aus Lärm, um Eindringlinge fernzuhalten, und locken Spielgefährten mit besonderen Rufen an – ja vielleicht liegen bei ihnen sogar das Geheimnis unserer eigenen Neigung zu spielerischem Handeln und die Anfänge der Evolution unseres Lachens.“ (S. 13)

Bisher wurden oft menschliches Geschlechterrollenverhalten von Forschenden auf Vögel projiziert. Seit auch Wissenschaftlerinnen tätig sind, werden diese Übertragungen überprüft und meist stellen sich diese als falsch heraus. „Auch bei einigen anderen Vogelarten besitzen die Weibchen ein bunteres, farbenfroheres Gefieder als die Männchen. Dazu gehören die Wassertreter, die Drosseluferläufer, die Goldschnepfen, das Rotstirn-Blatthühnchen und die Laufhühnchen. Bei ihnen allen sind allerdings auch die üblichen Geschlechterrollen vertauscht: Die Männchen brüten auf den Eiern, während die Weibchen das Revier verteidigen und untereinander um die Männchen kämpfen“ (Ackerman 2023, S. 20) „Viele Verhaltensweisen, die man früher für einfach und naheliegend hielt, erweisen sich auf den zweiten Blick als weit vielschichtiger und komplizierter, als man es sich vorgestellt hatte.“ (S. 32)

Interessant ist auch folgender Aspekt: „Die Neuronen im Vogelgehirn sind viel kleiner, zahlreicher und dichter gepackt als im Gehirn von Säugetieren einschließlich der Primaten. Die hohe Neuronendichte macht ein leistungsfähiges, schnell arbeitendes Sinnes- und Nervensystem möglich. Mit anderen Worten, so die Wissenschaftler: Im Vogelgehirn steckt das Potential, pro Kilogramm Gehirngewicht eine größere kognitive Leistung zu erbringen als ein Säugetiergehirn.“ (S. 30)

Mit den vielen Zitaten wollte ich einen Eindruck geben, wie gut Informationen und komplexe Zusammenhänge beispielhaft und anschaulich vermittelt werden. Mit diesem Buch werden unrealistische Vorstellungen von Vögeln revidiert, denn Fakten zeigen nun: „Sie strafen unsere sauberen Kategorien und ordentlichen, einheitlichen Theorien Lügen, mit denen wir die ganze rätselhafte Vielfalt unter einem großen Schirm erklären wollen. Sie fügen unseren Glauben an die Einzigartigkeit unserer eigenen Spezies hinweg. Immer und immer wieder haben Menschen behauptet, wir seien die einzige Spezies mit besonderen Fähigkeiten – Werkzeugherstellung, vernünftiges Überlegen, sprachliche Kommunikation -, und immer wieder mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass Vögel ähnliche Fähigkeiten besitzen.“ (S. 38–39)

Thematisch ist der Text in fünf Bereiche gegliedert: Alltagstätigkeiten, Arbeiten, Spielen, Liebe und Elternschaft. Somit kann das Buch über Wochen immer wieder an verschiedenen Stellen aufgeschlagen und gelesen werden oder an einem langen Wochenende.
Es inspiriert, über die Welt, wie sie im Moment ist, zu diskutieren, denn Klimawandel fordert auch die Vögel heraus. Es ist ein Buch für die ganze Familie und für die Schule, denn es motiviert, genau zu beobachten, alles zu hinterfragen und vieles neu zu verstehen und Selbst-/Bedeutungen zu verändern.
Eine Chance, staunend viel dazuzulernen.

Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel

Illustration: John Burgoyne
528 Seiten€ 27,80 
Ullstein 2023
ISBN 9783550201318

Jänner 2024
Rezension
Ilse M. Seifried, MA
https://www.i-m-seifried.at