Rezensionen

Dimitré Dinev: Zeit der Mutigen

Am 22. Februar 2026 hörte ich die Ö1 Sendung Menschenbilder, in der der Autor Dimitré Dinev von seiner Kindheit erzählte. Diese veranlasste mich, seinen 1150-Seiten-Roman Zeit der Mutigen zu lesen, der als „Ein Opus Magnum über Gewalt und Unterdrückung, Liebe und Magie, Tod und Leben.“ bezeichnet, den Österreichischen Buchpreis 2025 erhielt.
Dimitré Dinev, 1968 in Bulgarien geboren, kam 1990 als Flüchtling nach Österreich. Er studierte in Wien, wo er immer noch lebt und seither in deutscher Sprache Drehbücher, Erzählungen und Essays schreibt. Mit seinem Familienroman Engelszungen erhielt er 2003 international große positive Resonanz.

Zeit der Mutigen beginnt mit dem Satz „In dieser Sommernacht war Eva Nagel zur Donau gegangen mit der Absicht, sich ins Wasser zu werfen, aber stattdessen warf sie sich in die Umarmung des Infanterieleutnants Alois Kozusnik.“
Mit diesem tauche ich in die Welt seiner epischen Erzählung ein, die vor dem 1. WK beginnt und aus drei großen Erzählsträngen gebildet ist. Der Autor verwebt die Geschichte Europas mit den zentralen Aspekten des Zusammen- und Überlebens, wie auch trennende Gewalt und Tod. Er beschreibt explizit, wie autoritäre Systeme zwischenmenschlichen Beziehungen verändern, mit allen Beklemmungen, Manipulationen, Konsequenzen und was Umerziehung bedeutete. Bewusst gestaltete der Autor, wie er im Interview (https://oe1.orf.at/artikel/723995/Buchpreis-an-Dimitre-Dinev) sagt, eine Polyphonie an Figuren. Seine Recherchearbeit war sehr schwierig, weil nach wie vor von der offiziellen Politik kein Interesse gegeben ist, alles ans Tageslicht zu bringen.

Mystische Anklänge, historische Fakten und Menschliches sind empathisch, sinnlich nachvollziehbar so kunst- und stimmungsvoll literarisch verbunden, dass der poetische und gleichzeitig sachliche Text mich immer und immer wieder mit Spannung weiterlesen ließ. Beschreibungen wie „Die Donau fror zu, und über das Eis liefen heulend die Wolfsrudel, klagten ihr Schicksal, in alle Ewigkeit und allerorts Feinde zu sein, eine Klage, die jeder verstand. Danach taute der Fluss auf, lebte, war frei, bis das Eis erneut die zwei Ufer aneinanderkettete. Die Jahre vergingen, doch der Krieg dauerte an, denn Zorn, Tod und Wahnsinn waren weder vom Ort abhängig noch von den Jahreszeiten. Sie hoben sie auf und wurden selbst Ort und wurden Zeit.“ lassen innehalten und in diese Realität eintauchen.

Obwohl die Leser:innen den Überblick über alle Schicksale erhalten, bleibt vieles offen und unaufgelöst, weil das Leben eben so ist. Dimitré Dinev vermittelt das Wissen, dass die Menschheit, die Welt, noch nicht fertig ist. Offenheit sieht er als die größte Chance.

Zeit der Mutigen ist für mich von gleicher Qualität wie Halldór Kiljan Laxness und Selma Lagerlöfs Werk oder auch jenes von Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch, umeine aktuelle Autorin zu nennen. Dieser Roman ist meine Empfehlung. Er ist ein Meisterwerk!


März 2026
Rezension
Ilse M. Seifried, MA
https://www.i-m-seifried.at

März 2026

1152 Seiten
Kain & Aber 2025
ISBN: 978-3-0369-5079-2
€ 38,50