Rezensionen

Helena Barop: Mythen, Macht und Muttermund – Eine feministische Geschichte der Geburt

Helena Barop, 1986 geboren, ist Historikerin und Philosophin. Sie greift das Thema Mütter, Macht und Mythen – Eine feministische Geschichte der Geburt in zehn Kapiteln auf.


Abb.:
https://www.penguin.de/buecher/helena-barop-mythen-macht-und-muttermund/buch/9783827501974

Im ersten Kapitel erfahren die Leser:innen leichtverständlich und gut nachvollziehbar die Kernpunkte der Ausgangsposition der Autorin. Die Gebärklinik, ein Ort patriarchaler Hierarchien, entstand erst im 18. Jh. Darum stellt die Autorin die Machtfrage, da Geschichte bis vor zirka 50 Jahren von Männern für Männer über Männer geschrieben wurde und schreibt somit eine feministische Geschichte der Geburt. Das, was bisher als „normale“ Geburt beschrieben wurde, verändert sich im Licht des historischen Kontextes. Denn die Gebärfähigkeit wird innerhalb des patriarchalen Weltbildes nicht als Stärke gesehen, sondern zur Schwäche gemacht.

Barop argumentiert klar, warum sie versucht, sprachlich binäre Zuschreibungen zu vermeiden, weil sie diese lieber dekonstruieren als wieder reproduzieren will.

Dieses Buch ist für alle interessant und aufschlussreich, denn Geburt ist kein Frauenthema, es ist ein Menschenthema, denn die Umstände der Geburt wirken sich auf die Bindungsfähigkeit lebenslange aus. Es ist ein Sachbuch, indem die Autorin aus den vorhandenen Quellen eine Synthese zusammenstellte. Ihr Fokus liegt auf dem deutschen Sprachraum und deckt aufgrund der vorhandenen Faktenlage nicht alles sozialen Schichten, geographischen Räume und physiologische Besonderheiten ab. Sie weist dediziert darauf hin, dass ungewöhnliche Erfahrungen vom Gehirn eher abgespeichert werden als normale und sie über Negatives mehr schreibt, als dies statistisch in der Realität vorkommt. Mit einem schwarzen Dreieck sind drastische Stellen markiert, die ausgelassen werden können, ohne den Lesefluss zu unterbrechen. Klar ist, dass Gebären noch nie so sicher war wie jetzt und Gebärende noch nie so viel Freiheiten hatten wie gegenwärtig. Alte Gewohnheiten zu erkennen und sich von diesen zu befreien, ermöglicht, therapeutische Prozesse zu ermöglichen, die (eigene) Geburtsgeschichte neu zu verstehen, umzudeuten und neu zu erzählen. Persönliche Erfahrungen hat die Autorin weggelassen, was eine gute Entscheidung war. Wichtig ist ihr zum Abschluss zu kommunizieren: Es wird nicht immer alles gelingen, dann ist es wichtig, sich zu verzeihen, denn mit alten Gewohnheiten zu brechen, braucht Zeit.

Das Ziel der Autorin, eigene Erwartungshaltungen zu reflektieren, Geburtshilfe mit neuen Augen zu sehen und damit Erlebtes neu einzuordnen und zu bewältigen, erreicht sie. Es gelingt ihr auch, Männer für ihre Vaterschaft zu interessieren und sie in die Geschichte, die diese bisher davon ausschloss, einzubinden. Dass die Leser:innen direkt angesprochen werden, ist stimmig. Es bleibt zu hoffen, dass der Zusatz „feministische Geschichte“ viele potentielle Leser:innen nicht abhält, dieses Buch zu lesen!

Abschließend weise ich noch darauf hin, dass in Österreich erst 1989 die Amtsvormundschaft für uneheliche Kinder gänzlich abgeschafft wurde und die Mutter ex lege mit der Obsorge für ihr Kind betraut wurde. Interessante Details sind hier nachzulesen
* https://verein-fema.at/die-geschichte-der-diskriminierung-und-rechtlichen-benachteiligung-von-alleinerzieherinnen/
* https://www.frauenmachengeschichte.at/frauenpolitik-in-oesterreich-seit-1970/

Hier noch der Link zu einer Leseprobe
* https://www.penguin.de/buecher/helena-barop-mythen-macht-und-muttermund/buch/9783827501974

Dass der Verlag nicht ein Bild einer Künstlerin als Cover verwendete, ist das einzige Manko.
Mütter, Macht und Mythen – Eine feministische Geschichte der Geburt ist meine Leseempfehlung für alle Erwachsenen.

Rezension
Ilse M. Seifried, MA, Mai 2026
https://www.i-m-seifried.at



400 Seiten
Penguin 2026
ISBN: 978-3-8275-0197-4
€ 27,50